Kopfgelenktherapie nach Picard
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Chronischer Schiefhals beim Kind

Unsere Annahme ist, dass die Kopfgelenkasymmetrie eine bedeutende Mitursache des chronischen Schiefhalses des Kindes ist: Wird die Digastricus-Muskelumlagerung vorgenommen, ist der Schiefhals funktionnell eliminiert. Die physiologische Situation bleibt aber labil, weil die kurze Nackenmuskulatur die symmetrische Muskelführung kaum halten kann und sich der alte asymmetrische Zustand - vor allem zu Beginn des Therapieprozesses - leicht wieder einstellen kann. Deswegen ist es von Bedeutung, dass die Eltern lernen, die symmetrische von der asymmetrischen Digastricus-Muskelführung zu unterscheiden und den symmetrischen Zustand gegebenenfalls selbst  herzustellen.


Wir behandelten ein Mädchen (*1999) am 30.1.09, das einen chronischen, sehr schmerzhaften Schiefhals hatte. Im Vorfeld wurde ein MRT gemacht und radiologisch folgende Diagnostik erstellt: 

Chron.-rez. Zervikalsyndrom bei muskulärem Defizit, konstante Hypermobilität und Block. C0/C1 rechts, Tendenz zur Haltungsschwäche (bereits vor 2 Jahren ähnliche Problemaitk - Rö. damals unauffällig). MRT HWS 28.11.08: Streckstellung mit flacher paradoxer Kyphose, im Atlantoaxialgelenk Rotation des Kopfes nach links ca. 20° bis 25°, offenbar willentlich in dem Bemühen, den Kopf gerade zu halten bei nach rechst gedrehter HWS bis C2 (ohne Fehlbildung oder Destruktion), Infekte oder andere Erkrankungen sind nicht bekannt, über ein leichtes Lumbalsyndrom wird seit ca. 1 Woche auch berichtet. 

Anamnestisch wurde am Behandlungstag folgendes notiert: 

Vor zwei Jahren Unfall mit Sturz den Berg runter --> Schiefhals --> Röntgen der Halswirbelsäule; nach 2 Wochen wieder gut. Jetzt seit Anfang November 08 nach dem Reiten heftige Beschwerden in HWS - Drehung nach rechts erheblich eingeschränkt. In Behandlung mit mehrfachen chirotherapeutischen Versuchen, Physiotherapie, Analgetika.

Das Zervikalsyndrom hatte vermutlich aufgrund des o.g. Unfalls ("Sturz den Berg hinunter") vor zwei Jahren begonnen: Es kam zu einer Zerrung/Dehnung des linken hinteren Digastricusbauches, zu einem medialeren Verlauf desselben über den hinteren Atlasbogen oder vielmehr seiner Muskulatur und in der Folge zu einer allmählich immer stärker werdenden Schrägstellung des Atlas gegenüber Axis und der unteren Halswirbelsäule und letztlich zunehmenden Schwächung/Athrophierung der linksseitigen kurzen Nackenmuskulatur, die ein erneutes Kopftrauma ("nach dem Reiten heftige Beschwerden") nicht mehr kompensieren konnte. 

Oben: Atlas, unten: Axis. Der Atlas ist auf der linken Seite (im Bild rechts) gegenüber dem Axis nach dorsal gerichtet. Im Atlantoaxialgelenk besteht eine Rotation des Kopfes nach links von ca. 20°. Daraus lässt sich schließen, dass der gezerrte linke hintere Digasticus-Muskelbauch den linken Atlas-Querfortsatz fortlaufend nach hinten (dorsal) zieht.

An den Rotationswerten lässt sich der Therapieverlauf ablesen: Die zu Beginn sehr eingeschränkte horizontale Drehung - vor allen Dingen nach rechts - löst sich auf und es werden nach der Massage symmetrische und erweiterte Kopfdrehungen ermöglicht. Die Schmerzen, mit denen das Kind gekommen war, verklingen augenblicklich, was es durch die schriftliche Spontanäußerung bestätigt.

Oben: Drehwinkelmessungen vor und nach Kopfgelenktherapie: Erste Spalte: horizontale Drehung (L, R), zweite Spalte: Seitneigung (SL, SR), dritte Spalte: Beugung/Streckung (B/S). Erste Zeile: vor Digastricus-Muskelumlagerung, zweite Zeile: nach Muskelumlagerung, dritte Zeile: nach vibratorischer Massage. Unten: Schriftliche Spontanäußerung nach Therapie: "Mein Hals tut nicht mehr weh."
Links: Drehwinkelmessungen beim zweiten Termin am 9.3.09: Erste Zeile: vor Massage, zweite Zeile: nach Massage. Rechts: Kopf des Kindes mit Kompass-Goniometer, bei dem es fast in rechtem Winkel nach oben schaut.
  • Die Drehung nimmt nach Therapie um 31,5% zu, die Drehung nach links um nur 19%, die Drehung nach rechts aber um 34%. Der L/R-Quotient beträgt vor Therapie 1,45 (d.i. starke Rechtseinschränkung der horizontalen Drehung), nach Therapie 1,00 (absolute Symmetrisierung derselben).
  • Die Seitneigung nimmt nach Therapie insgesamt um 16% zu; die Linksseitneigung um 9%, die Rechtsseitneigung um 20%. Der SL/SR-Quotient beträgt vor Therapie 0,71 (d.i. starke Rechtsseinschränkung der Seitneigung), nach Therapie 0,63 (Verringerung der Seitneigungs-Asymmetrie).
  • Die Beugung nimmt nach Therapie um 43%, die Streckung um 23% zu.

Über alle drei Parameter hinweg findet eine Drehwinkelerweiterung von 27% statt.  Die Kopfbeweglichkeit entwickelt sich bei der Drehung von einer einseitigen Einschränkung in die absolute Symmetrie; die Seitneigung verbessert sich tendenziell. Die Entwicklung der Drehwinkelwerte weist deutlich auf die bestehende, verschlimmerte Kopfgelenkasymmetrie hin, die im Zuge der Digastricus-Muskelumlagerung aufgehoben wird. 

Die Kopfrotationen zwei Monate später, am 9.3.09, sind stark erweitert: Die Rotationsmessungen ergaben eine Erhöhung der Kopfrotationen von insgesamt 45% gegenüber dem Anfangszustand, der Drehung um 42,5%, der Seitneigung um 43,5% und der Beugung/Streckung um 48%. Die stark erhöhten Drehwinkel sind sogar für ein Kind auffällig und weisen auf, dass die bislang wegen der Schmerzen still gehaltene Halsmuskulatur verhältnismäßig verkümmert war und dass nun, nach einiger Zeit, die volle, schmerzlose Beweglichkeit erreicht worden war. Katamnestisch wurde am 9.3.09 festgestellt:

Keine Beschwerden mehr. Beim Gehen noch etwas asymmetrischen Gang. Kann wieder Sport machen.

Aufgrund der Überbeweglichkeit besteht die Gefahr, dass der linke Digastricus-Muskelbauch sich erneut hinter den linken Atlasfortsatz versetzt. Aber es ist zum Glück stets möglich, den physiologisch günstigeren Zustand wieder herzustellen. Es ist davon auszugehen, dass die kurze Nackenmuskulatur im Zeitverlauf allmählich erstarken und zu einem späteren Zeitpunkt eine spontane Umlagerung des Digastricus kaum noch erfolgen wird.

Aufgrund der spontanen und sofortigen Beschwerdefreiheit – das Kind war mit quälenden Schmerzen gekommen –, der Symmetrisierung und Erweiterung aller Drehwert-Parameter und der stark erweiterten Beweglichkeit nach zwei Monaten, ist die Umlagerung des linken hinteren Digastricus-Muskelbauches als ursächliche Therapie für die Symptomatik dieses Kindes anzusehen. Eine Generalisierung auf andere Kinder mit einer ähnlichen Symptomatik kann ins Auge gefasst und müsste überprüft werden. Aus kopfgelenktherapeutischer Sicht ist die sogenannte atlanto-axiale rotatorische Dislokation (siehe Artikel: 'Der Schiefhals des Kindes, eine Bagatelle?') Kopfgelenkasymmetrie bedingt und durch Digastricus-Muskelumlagerung therapierbar. Der 11jährige Junge in der Publikation wies nach der Operation eines Lymphknotens im Kehlkopfbereich eine Narkose bedingte, verschlimmerte Kopfgelenkasymmetrie auf. Die kurze Nackenmuskulatur war während der Vollnarkose erschlafft, der Kopf wurde während der Operation passiv gegen den Rumpf bewegt und der linke hintere Digastricus-Muskelbauch übte von da an einen verstärkten Zug auf die Kopfgelenke aus, was die extreme Schiefhaltung des Kopfes nach rechts mit gleichzeitiger Drehung nach links verursachte (Cock-Robin-Position), was im Ergebnis einer Beschleunigungsverletzung entspricht. Nach chirurgischen Eingriffen des Kopf- und Halsbereichs sollte regelhaft auf den symmetrischen Verlauf des hinteren Digastricus-Muskels geachtet werden.